Sowohl der Film “Koyaanisqatsi”, als auch der Soundtrack von Philip Glass (*1937) sind Meilensteine und erlangten schon kurz nach dem Erscheinen absoluten Kultstatus. Der dialoglose, handlungslose Film mit seinen suggestiv aneinander montierten Bildern mit der hypnotischen Musik von Philip Glass, seinem Debüt als Soundtrack-Komponisten, begeistert auch heute noch eine neue Generation von Kinogängern. Für Glass war “Koyaanisqatsi” nicht nur der Einstieg in die Soundtrack-Welt, sondern auch der Durchbruch im Massenbewusstsein der Pop-Kultur. Neue Musik (oder Minimal Music oder etwas, was die Hörer diffus unter ‘Klassik’ einordneten) wurde breiten Hörerschichten bewusst. Der Soundtrack zu “Koyaanisqatsi” nahm Berührungsängste.
Als die erste Fassung der Filmmusik 1983 erschien, wurde die Musik der üblichen Spielzeit der Vinyl-Schallplatte angepasst, ‘nur’ 46 Minuten Musik, obwohl doch der Film selbst fast doppelt so lang ist und über weite Strecken mit Musik unterlegt ist. 1998 nahm das Philip Glass Ensemble die Musik neu auf, ergänzte die Tracklist um zwei verwendete, aber nicht bei der Erstausgabe veröffentlichte Stücke und erweiterte die bereits veröffentlichten Tracks (teilweise) um mehrere Minuten. Dafür wurde die Musik allerdings von den Filmgeräuschen befreit und eher als eigenständiges Werk eingespielt. Die nun erschienene Neuausgabe (“Complete Soundtrack Version”) des Soundtracks enthält endlich die vollständigen, ungekürzten originalen Aufnahmen von 1983, also jene, die für den Film verwendet wurden (und nicht die Neuaufnahmen von 1998).
Es gibt nicht viele Soundtracks, die man wirklich gehört haben muss, aber dieser ist definitiv einer der wichtigsten Soundtracks des 20. Jahrhunderts; ss gibt nicht viele Werke der Neuen Musik (oder meinetwegen der Minimal Music), die ich jedem vorbehaltlos an Herz legen würde, weil sie weit über das Genre hinaus zeitlose Relevanz besitzen, Philip Glass’ “Koyaanisqatsi” ist mit Sicherheit eine dieser ganz raren Werke. Gerade in dieser “Complete Soundtrack Version” ist “Koyaanisqatsi” ist unverzichtbar.
(…) Andres Uibo (*1956) ist eine der interessanten Figuren in der estnischen Musik. Neben seiner Lehrtätigkeit und seinen vielen Aufnahmen klassischer und moderner Orgelmusik, schreibt er eigene Werke, von denen ist die “Apocalypsis Symphony” eines seiner bisher erfolgreichsten. Der erste Teil der Symphony, “Then I Saw”, erhielt sowohl den 1. Preis beim estnischen Kompositionswettbewerb 2003 in der Sparte “Neue Orgelkompositionen”, als auch den Publikumspreis bei ebendiesem Festival, zu recht, denn Uibo vereint in der “Apocalypsis Symphony” geschickt Einflüsse seiner berühmten Landmänner und Komponistenkollegen Pärt und Tüür mit modernen (tonalen) Einflüssen und der Orgelliteratur Bachs, Buxtehudes und der Romantik.
Das Ergebnis klingt, trotz der Vielzahl der Einflüsse, erstaunlich homogen und könnte tatsächlich nicht nur etwas für neugierige Klassikhörer sein, sondern auch für Musikfreunde anderer Genres, etwa des Progressive Rock. Die überraschenden Tempi- und Modi-Wechsel geben dem Werk auf jeden Fall etwas genre-übergreifendes, fast schon postmodernes.
Nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchives verstummten die Glocken des Kölner Ratsturmes (am historischen Rathaus in der Kölner Innenstadt) aus verständlichem Anlass. Die Pause wurde genützt, um den Glocken “neue Musik”, nein, “Neue Musik” beizubringen: So erklingen neben Melodien der Bläck Fööss (!) und der Höhner (!!) auch Melodien von Jacques Offenbach und von Karlheinz Stockhausen. Seit heute Stockhausens “Krebs” aus “Tierkreis – 12 Melodien der Sternzeichen” um punkt 12 Uhr vom Rathaussturm.
Ich kann mir wirklich keine andere deutsche Stadt vorstellen, wo man Neue Musik mit der volksnahen Musik der Kölner Bands Höhner, Bläck Fööss und Co. (und nein, es sind keine Karnevalsbands, sondern so etwas wie Bands die zeitgenössische Volksmusik (nicht volkstümliche Musik in Seppl-Hosen!) spielen) so selbstverständlich kombiniert.
Nächste Ausgabe von s| a| m #48
wird am 29. 09. 2011, von 21:00-23:00 Uhr
auf dem Stream des Senders Metal Refinement gesendet. Thema: t.b.a.
Paralleler Chat im IRC zur Sendung auf #progrock-dt und #metal-refinement