Ars longa, vita brevis: In memoriam Keith Emerson

Keith Noel Emerson: * 2.11.1944; † 10.3.2016

Heute vor einem Jahr erreichte uns die Nachricht, dass Keith Emerson gestorben ist. Wenig später wurde bekannt, dass er Selbstmord begangen hatte, möglicherweise weil er aufgrund einer chronischen Nervenerkrankung, die die Beweglichkeit seiner rechten Hand zunehmend einschränkte, die Musik hätte aufgeben müssen. (Sein eigentlicher Todeszeitpunkt wurde nach der Obduktion auf den 10. März korrigiert).

Auch wenn sein Schaffen heute von vielen Prog-Fans kritisch gesehen ist, war Keith Emerson eine der wichtigsten Persönlichkeiten des Szene, dessen musikalische Visionen stilprägend für das Genre waren. Er verband Rock- mit Klassik-Elementen und brachte Virtuosität und moderne Elektronik in den Progressive Rock. Als junger Musikfan war er eine der wichtigsten Figuren in meinem Kosmos. Seine hymnische Musik prägte meine Liebe zum Progressive Rock und zur Klassik gleichermaßen. Für beides ist er immer von der Presse kritisiert und verspottet worden, für beides bin ich ihm unendlich dankbar.

Seine eigene Virtuosität stellte er in den Dienst der klassischen Musik, aus der er endlose Inspirationen zog. Generationen von Musikfans, die mit der Rockmusik sozialisiert wurden, lernten durch ihn Mussorgsky und Copeland, Janáček und Bach, Ginastera und Rodrigo kennen. Und seine Art, wie er sie variierte, wie er sie virtuos aufschlüsselte, belegte sein tiefes Verständnis für Musiktheorie.

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich im Dachzimmer eines Schulfreundes saß, der Klavier spielte. Er hörte quasi keine Rockmusik, und besaß nur eine einzige Rock-LP. Es war die „Pictures at an Exhibition“ von Emerson, Lake & Palmer. Wir hörten das Album gemeinsam an, tranken Tee und redeten über die Schule, über Mädchen, über Musik. Er sprach über seine Liebe zur klassischen Musik, die mir damals in großen Teilen unbekannt war; ich sprach über meine Leidenschaft für die Musik, die ich über meine Geschwister kennengelernt hatte: Ich sprach über Yes, über Genesis, über King Crimson und über Emerson, Lake & Palmer. Ich schwärmte von der „Tarkus“ (und sollte sie ihm wenig später ausleihen). Nachdem das Album durchgelaufen war, setzte sich Georg an sein Klavier und spiele die einführende „Promenade“ und „The Gnome“ aus Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“. Die vertrauten ELP-Melodien zum ersten Mal live in der Originalfassung zu hören, machten einen riesigen Eindruck auf mich. Es war so ein life-changing moment, den ich mit dem Augenblick verbinde, an dem ich die klassische Musik für mich entdeckte. Keith Emerson war damals gewissermaßen mein Souffleur.

Es tut nichts zur Sache, dass Keith Emersons schöpferischer Höhepunkt vielleicht schon früh in seiner Karriere erreicht war und dass seine späten Jahre nicht immer so ergiebig waren und nicht immer meinen Geschmack trafen. Keith Emerson war ein wahrer Gigant der Musikwelt, einer der stets der ganzen Musik verpflichtet war, nicht einem bestimmten Genre.

Ich habe (mit etwas Hilfe vom Emerson-Experten Wolfgang Merx) anlässlich seines Todestages gestern eine Playlist auf Spotify zusammengestellt, die seine musikalische Evolution durch die Jahre nachzuzeichnen versucht. Es ist gut sich daran zu erinnern, wie abwechslungsreich und wie visionär seine Musik mit The Nice, Emerson Lake & Palmer und als Solist war.

Foto-Credit:

Keith Emerson performs on his Hammond and Moog synthesizer during the Emerson & Lake Tour 2010. This was taken at their final show in Atlantic City, NJ, USA on May 15, 2010 – By Mari Kawaguchi – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17582073