Nachruf für John Wetton: The smile has left my eyes

Ich habe John Wetton nie kennengelernt, ich habe ihn nicht einmal live erlebt. Ich habe es irgendwie immer verpasst, wenn er mit Asia in der Gegend tourte und ich mochte auch nicht der U.-K.-Reunion-Tour in Europa vor ein paar Jahren hinterher reisen. Aber dennoch war John Wetton für mich immer der Bassist und (vor allem) die Stimme schlechthin.

Als Jugendlicher, als ich davon träumte selbst einmal Musiker zu werden (und träumten wir diesen Traum nicht alle?), wollte ich so singen können wie John Wetton. Ich wollte diese „smiling sadness“, diese leise lächelnde Melancholie in der Stimme haben. Ich liebe dieses Timbre, unverwechselbar, eine Stimme, die die schlimmste Schnulze veredeln konnte.

Ich haben Wettons Musik schon früh gehört. Mein älterer Bruder hatte alle Platten von King Crimson. Aber gerade mit den Wetton-Alben tat ich mich schwer. Wenn man 7, 8 Jahre alt ist, sind die düsteren Improvisationen der „Larks Tongues“, der „Starless“ und der „Red“ schon starker Tobak.

1979 kaufte mein Bruder die „Danger Money“ von U. K. Und fand sie schrecklich. Also schenkte er mir das Album, um seine Sammlung „rein zu halten“. U. K. waren anders, als die Musik, die ich damals (mit 12 Jahren) hörte: Alan Parsons, Supertramp, Queen, dazu den Kram, den meine Geschwister anschleppten (mein Bruder: lupenreiner Prog ohne kommerzielle Avancen und seine geliebten Doors, meine Schwester: Roxy Music, Roxy Music und Roxy Music). Dazu kam der Kram, den meine Schulkameraden hörten, Abba, Kiss, Mike Oldfield, dazu der Müll aus den Charts.

Die „Danger Money“ klang anders. Ganz anders. Drei unglaublich dominante Musiker, die sich alle gleichzeitig in den Vordergrund zu spielen schienen, dazu die ausdrucksstarke Stimme Wettons. Und wenn das Titelstück vielleicht nicht sofort bei mir zündete, so tat es die anschließende Ballade „Rendezvous 6.02“. Danach war es um mich geschehen. Das prägnante Keyboard-Intro, dann Wettons Stimme, die mit dieser „smiling sadness“ singt:

It’s 5 o’clock
Driving down Park Lane
As London leaves
For the weekend again
Through the dark city streets
In the clinging rain
I take my car
Towards the Thames
And Waterloo

Ich war für immer verzaubert. Auf dem Album jagte ein musikalischer Höhepunkt den nächsten, alle verwoben von Wettons Stimme. Zum Abschluss, der Höhepunkt, das 12-Minuten-Epos “Carrying No Cross”.

Carrying no cross before me
No prize to idolize no story
To tell of adolescent glory
Just void…

Keine andere Platte in meiner Sammlung sollte ich in den kommenden Jahren öfter hören. Kein Mixtape, auf dem ich nicht einen U. K.-Song unterbrachte (nicht, dass es jemals etwas genutzt hätte).

John Wetton war mein Held, einer, der Musik gemacht hatte, die ich machen wollte. Seine Karriere verfolgte ich lange mit der Manie eines unverbesserlichen Fans: ich liebte seinen AOR mit Asia, ich hörte mir sein Soloalbum “Caught in the Crossfire” schön, ich besorgte mir sogar die schrecklichen Uriah-Heep-Scheiben, bei denen er mitspielte. (Und ihr müsst wissen, dass ich Uriah Heep wirklich schon immer schrecklich fand!). Irgendwann riss auch mir der Geduldsfaden und ich ließ seine aktuellen Sachen als Solist und mit Asia einfach im Regal. Meine Liebe zu seinem Bassspiel und zu seiner Stimme blieben allerdings ungebrochen. Mochten seine letzten Alben künstlerisch fast alle fragwürdig sein, seine Großtaten in den 1970ern und frühen 1980ern blieben ein elementarer Teil meiner musikalischen Identität.

Erst heute morgen* saß ich beim Kaffee im Bett und mein Spotify-Mixtape (sic!) spielte “In The Court of the Crimson King” von Steve Hackett mit John Wetton. Ich dachte mir: “Wahnsinn, was für eine schöne Stimme er hat, was für eine Energie, was für ein Ausdruck! Hoffentlich geht es Dir gut, John.” Aber vielleicht war John zu diesem Zeitpunkt schon tot. Oder er lag im Sterben.

Ich habe heute mein größtes Idol verloren, mein Vorbild. Mehr noch: Ich habe das Gefühl, einen engen Freund, einen Bruder, einen “partner in crime” verloren zu haben, einen, der die schönsten Songs des Soundtracks meines Lebens sang. Sicher, ich weiß, ein Musiker ist immer mehr als seine Songs, mehr als seine Musik. Hinter dem Musiker Wetton steckte eine tragische Figur. Ein Alkoholiker, der sich die Karriere mit seinen Exzessen immer wieder ruinierte, einer, der vor ein paar Jahren nur mit Mühe eine schwere Herz-OP (eine Erkrankung als Folge seines Alkoholismus) überstand, einer, der mit tausend inneren Dämonen kämpfen musste. Seine Texte auf “Battle Lines” und “Arkangel” deuten ein Leben voller Schmerz an: Sexueller Missbrauch, Verlust, Einsamkeit, Verzweiflung, trügerische Illusionen, Lügen. Und der Himmel weiß, wie viel Wetton uns nicht in seiner Musik und in seinen Texten mitgeteilt hat.

Nein, ich habe John Wetton nie kennengelernt. Und doch fühlt sich der Verlust sehr nahe an. Und sehr schmerzhaft.

My world turned starless and bible black today.

*Köln, 31. Januar 2017

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Foto-Credits:

Beitragsbild (Header-Grafik): John Wetton – Caught in the Crossfire (EG Records 1980), Ausschnitt

John Wetton Portrait: by Mike Inns – Offered by webmaster of John Wetton’s official site, on behalf of John Wetton, GFDL, Link