Bowie, der Verführer

Ich erinnere mich an 1983. Oh, ich erinnere mich an die Abschlussfeier meiner 10. Realschul-Klasse, es muss im Juni oder Juli gewesen sein. Wir feierten in einem Pfarrsaal in Köln-Ehrenfeld und ich war – gemeinsam mit ein paar anderen Jungs – für die Musik verantwortlich. Natürlich. Ich hatte die meisten Platten. Schon damals.

Ich war schon früh da, sehr früh. Wir bauten die Anlage auf und erst wenige Schulkameraden waren da. Die meisten waren in den letzten zwei Jahren engste Freunde geworden, die ich bald verlieren sollten (die regelrecht vergehen sollten) – weil sich die Zeiten ändern, weil ich mich verändern sollte.

Ich überlegte, mit welchem Song ich eröffnen wollte. Damals fand ich es wichtig. Ich war noch ein paar Wochen 15. Das ist ein Alter, in dem jede Geste, jeder Takt, jeder Song wichtig ist. Und natürlich fiel mir David Bowies Album „Let’s Dance“ in die Hände. Die Scheibe war erst einige Wochen zuvor erschienen. Die Single drehte im Radio und im Musikfernsehen (das damals noch Formel 1 hieß) in der Heavy Rotation. Ich glaube, ich hatte zu diesem Zeitpunkt die ungekürzte Albumversion des Songs noch nicht gehört. Aber was für einen besseren Song konnte es geben, um eine Party zu eröffnen als diese unmissverständliche Antwort. Ich lege das Stück auf. Das bekannte Intro mit der seltsamen 1950er-Doo-Wop-Referenz setzte ein und ich stand vor den Boxen und lauschte dem überraschend guten, satten Klang. Oh, es waren nicht die billigen Dinger, die ich zu Hause hatte. Das war eine hochkarätige Anlage. Wer hatte die mitgebracht? Markus vielleicht? Ich drehte auf. Der Nile-Rogers-Groove (den die eingefleischten Bowie-Fans von Anfang an hassen sollten – zu kommerziell, zu funky, zu amerikanisch) elektrisierte mich. Stevie Ray Vaughans Gitarre, Robert Aarons Saxophon, dazu das kühle Wispern Bowies.

»Let’s Dance…«

Ich schloss die Augen. Und tanzte. Alleine. Oder vielleicht war jemand mit mir auf der leeren Tanzfläche? Ich weiß es nicht mehr. Es war auch gleichgültig. Ich tanze 7:37 Minuten, ließ mich davon tragen, vergaß alle pubertäre Contenance, alle Scheu mich alleine vor den Augen anderer zu bewegen. Perfekter Groove. Perfekte Tanzmusik, von einem, der doch aus einer ganz anderen Ecke kam, ein Sternenmann, der vom Himmel gefallen war.

»Under the moonlight, this serious moonlight.«

Und ja, natürlich ist der Song und das Album aus heutiger Sicht ein wenig zu glatt. Eine Hochglanz-Produktion aus den Achtzigern halt. Glasklarer, eiskalt berechnender Groove. Er hat viel Bedeutenderes gemacht. Ein ewiger Experimentierer. „Blackstar“ ist ein ganz anderes Kaliber. Verstörend. Unkommerziell. Ohne Kategorie. Ein starkes Vermächtnis. Mit etwas Gehässigkeit denke ich an jene, die jetzt die Scheibe kaufen, und „Let’s Dance“ oder Sing-along-Songs à la „Life on Mars“ erwarten.

Aber damals, mit 100 Phon, einer 5-Kanal-Lichtorgel, 15 Jahren und einem pubertär unglücklichen Herzen war es der perfekte Song.

– salvatore pichireddu, 2016

Anmerkung des Autors: Ich schrieb diesen Text sehr spontan kurz nach dem Tod Bowie am 10. Januar 2016 als Erinnerung aus meiner Jugend mit Bowie. Anlässlich des ersten Jahrestags seines Tod veröffentliche diesen Text auch an dieser Stelle als Hommage.