Kostenlos und sehr sehr gut: Essentielle Klassik mit Bachs Goldberg-Variationen von Kimiko Ishizaka – #musicmonday No. 24

#musicmondayMusik findet im 21. Jahrhundert neue Vertriebswege und hat, neben zahlreichen unbestrittenen Risiken, auch neue Chancen, wenn man sie denn nutzen weiß und sein Publikum findet. In meiner „Kostenlos und sehr gut„-Artikelreihe habe ich bereits verschiedene alternative Vertriebskonzepte hingewiesen, denen allen gemein ist, dass die Musik in Form eines Downloads kostenlos (oder zumindest ohne verpflichtende Kosten) ihren Weg zum Hörer findet. Sie eignen sich also nur im begrenzten Maße als Ersatz für den kommerziellen Vertrieb von Musik. Das schränkt ihre Möglichkeiten ein, bedeutet aber nicht immer einen signifikanten Qualitätsverlust.

Crowdfunding, d.h. das Sammeln von Geld für ein bestimmtes Projekt vor der eigentlichen Realisierung ist eine Methode, mit der immer mehr außergewöhnliche Produktionen abseits des Mainstreams realisiert werden. Die Idee klingt spannend: Man kalkuliert seinen Finanzrahmen für das Projekt und sammelt dann das Geld bei spendierfreudigen Fans ein, die dafür nicht nur das Endprodukt, sondern noch ein paar Extras erhalten (vom Bonustrack bis zum privaten Wohnzimmerkonzert wird alles mögliche angeboten, je nach Umfang der Spende, versteht sich). Ist der Finanzbedarf einmal durch Spenden gedeckt, kann man ohne großes wirtschaftliches Risiko seine Idee umsetzen. Wenn man richtig kalkuliert hat, dann kann kann man Musiker, Techniker und das ggf. das CD-Presswerk bezahlen und minimiert das Risiko eines finanziellen Fiaskos durch mangelnde Verkäufe. Was wie ein wenig realistisches Konzept klingt, hat durchaus Erfolg: So hat die größte Crowdfunding-Platform Kickstarter nicht weniger als 36 Mio. US-Dollar (rund 28,5 Mio. Euro) in den letzten 4 Jahren in musikalische Projekte gepumpt, davon immerhin entfielen immerhin 1,5 Mio. Dollar auf Projekte mit klassischer Musik (die nur einen Anteil von 4% der Projekte ausmachten).

J. S. Bach: Goldberg-Variationen - TitelseiteSo gesehen ist es also kein Wunder, dass das Open Goldbergs Projekt ein voller Erfolg wurde. Offensichtlich gab es genügend Spender, die bereit waren, sich mit einer Spende an der Public-Domain-Ausgabe (Noten und Aufnahme) der legendären Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach (1685-1750) zu beteiligen. Der finanzielle Erfolg des Projektes sagt allerdings nichts über den künstlerischen Wert der Aufnahme von Kimiko Ishizaka aus. Kostenlose Aufnahmen der Goldbergs gab es im Netz schon zuvor: Eine recht ordentliche Aufnahme von Jeremy Denk habe ich an dieser Stelle bereits vorgestellt; eine mittlerweile rechtefreie Fassung (Public Domain) der legendären 1945er Aufnahme der Goldberg-Variationen-Pionierin Wanda Landowska findet man ebenfalls kostenlos hier auf archive.org).  Es gibt noch weitere Beispiele, die ich vielleicht in den nächsten Wochen und Monaten hier vorstellen möchte (man kann ja nie genug Goldbergs haben, n’est-ce pas?). Außerdem dürften viele auch die legendäre 1955er Einspielung von Glenn Gould im Schrank stehen haben (oder gar die oft unterschätzte 1981er Neuaufnahme). An Goldberg-Variationen mangelt es in der Musikwelt eigentlich nicht.

Kimiko IshizakaIm Falle der vorliegenden Einspielung von Kimiko Ishizaka handelt es sich aber nicht nur um eine kostenlose, sondern auch um eine künstlerisch äußerst gelungene Einspielung. Wer lediglich die Fassung von Glenn Gould kennt, der wird sich erst einmal bei dieser Einspielung wundern: Kimiko Ishizaka nimmt sich gemeinhin deutlich mehr Zeit als Gould. Während Gould den kontrapunktischen Aufbau als Ganzes darstellen wollte (und, bei allem Respekt, auch seinen spielerischen Manierismus), betont sie die feine, kanonisch aufgebauten Verästelungen innerhalb der einzelnen Sätze. Ihr Spiel ist sauber und wirkt selbst in den schnellen Passagen nicht überhastet. Insgesamt hat man den Eindruck, dass sie sehr viel Sorgfalt in jede einzelne Variation gelegt hat. Ich würde sogar so weit gehen, es eine sehr barocke Einspielung (im Sinne historischer Aufführungspraxis) zu nennen: Obwohl sie auf einem modernen Konzertflügel (und nicht auf einem Cembalo) eingespielt wurde, vermeidet Kimiko Ishizaka Modernismen und interpretatorische Freiheiten.

Um es auf den Punkt zu bringen: Ich glaube nicht, dass man die Goldberg-Variationen nur in einer Fassung kennen sollte. Das Werk ist zu faszinierend, zu vielschichtig, um nur eine ultimative Fassung zu kennen – aber Kimiko Ishizakas Aufnahme kann künstlerisch mit den besten Einspielungen auf modernem Konzertflügel mithalten. Und das ist angesichts der Vielzahl der Einspielungen ein Pluspunkt: Während man für andere Einspielungen tief in die Tasche greifen muss, erhält man hier eine valide, hochklassige Aufnahme kostenlos, mit einer freien Lizenz ausgestattet. Und wer Interesse daran hat, der kann gleich auch noch die Noten und/oder die iPad App kostenlos dazu herunterladen.

Der Klang der Aufnahme ist übrigens schlichtweg fantastisch und geht weit über das Niveau hinaus, das man von kostenlosen Aufnahmen üblicherweise kennt, im Gegenteil: Der klare, saubere und warme Sound der Aufnahme kann sich mit so manch kommerzieller Aufnahme messen. Da die Open Goldbergs auch in verlustfreien Audioformaten (FLAC, WAV) vorliegen, muss man auch keine audiophilen Klangeinbußen durch Audiokomprimierung fürchten.

Fazit: Kimikos Ishizakas Einspielung ist nicht nur kostenlos, es ist auch eine künstlerisch durchdachte, exzellente umgesetzte Aufnahme der Goldberg-Variationen. Natürlich gibt es im kommerziellen Sektor starke Konkurrenz, auch und gerade auf dem Klavier (die beiden Aufnahmen von Glenn Gould von 1955 und 1981 habe ich ja schon oben erwähnt, die Aufnahmen von Angela Hewitt (2000) und András Schiff (2003) werden ebenfalls gerne als Referenzaufnahmen genannt), aber diese kostenlose Public-Domain-Aufnahme ist ein sehr guter Anfangspunkt, um in die wunderbare Welt der Goldberg-Variationen einzusteigen. Wer die Goldberg-Variationen bereits in der einen oder anderen Aufnahme kennt/besitzt, sollte sich dennoch diese exzellente, sorgfältige Aufnahme nicht entgehen lassen.

UPDATE, Ende 2016: Mittlerweile Kann man Kimiko Ishizakas Goldberg-Variationen ganz bequem in allen nur erdenklichen Formaten bei Bandcamp herunterladen. Der Download ist kostenlos erhältlich („Name your price“ kann auch 0 Euro bedeuten), über eine kleine oder nicht ganz so kleine Spende freuen sich die Initiatoren des Projekts aber gewiss.