Peter Gabriel – Scratch My Back (Live-Review)

Schon lange habe ich mich nicht mehr so sehr auf ein Album gefreut, wie auf „Scratch My Back“ von Peter Gabriel. Warum? Nun, St. Peter ist einer jener Künstler, die mich mein ganzes Leben begleitet haben (seit seinen späten Jahren bei Genesis, als ich noch ein kleiner … äh junger Pimpf war) und dessen Alben mich nie enttäuscht haben. Obwohl ich die eine oder andere Cover-Version von Peter Gabriel bereits kannte, überraschte mich die Nachricht von einem ganzen Cover-Album dann doch. Wer hätte das gedacht, dass ein so arrivierter Songschreiber andererleuts Zeugs singen will? Ein Blick auf die Tracklist des Albums offenbart dann aber auch: Guter Geschmack, einige Überraschungen und einige Fragezeichen. Wie werden die Songs klingen, die ich kenne? Wie sind die Songs, die ich nicht kenne?

Es folgt eine Live-Review. Ich habe – bis auf eine Ausnahme – vor der offiziellen VÖ. keinen einzigen Song des Albums gehört und habe der Versuchung widerstanden, das Album im Digital-Promopool bei EMI oder bei halbseidenen Quellen vorab anzuhören. Ich kann mich schon gar nicht mehr daran erinnern, wann ich für ein Album extra am Erscheinungstag in den Saturn gepligert bin, nur um es zu kaufen (nicht einmal bei amazon.de wollte ich dieses Mal bestellen). Hier also meine ersten Eindrücke vom Album, ungefiltert, so wie ich sie in Realtime gleich raustwittern werde und am Ende hier gebündelt zusammenfassen möchte. Hau in die Tasten, Peter…

  1. Heroes (David Bowie)
    Hätte ich raten müssen, welchen Song Peter Gabriel auf jeden Fall covert, ich glaube, ich wäre ziemlich schnell auf „Heroes“ gekommen. Das liegt auf der Hand: Die beteiligten Musiker bei der Original-Version sind ja auch bei Gabriel regelmäßig aktiv (gewesen): Eno, Fripp… alles dieselbe Soße.  Vom Original bleibt hier nicht viel übrig. Zerbrechlich die Vocals, statt selbstbewusst oder zumindest fragend wie bei Bowie. Orchester mit Minimal-Music-Anleihen statt treibender Beat und singende Gitarre.
  2. The Boy in the Bubble (Paul Simon)
    Einer der größten Hits von Simon von seinem erfolgreichsten Album „Graceland“. Bei Gabriel ist nichts mehr vom afrikanischen Timbre zu finden, schon gar nicht vom Fretless-Bass. Melancholisch aber nicht tottraurig, eher resigniert und sehr reduziert mit mehr Betonung auf den Text als bei Paul Simon, wo die Musik (generell bei der Graceland) von den Texten ablenkt.
  3. Mirrorball (Elbow)
    Der erste Song, den ich nicht kenne, zumindest nicht bewusst (obwohl ich Elbow hier irgendwo rumfliegen habe): Schönes Orchester-Arrangement, das insgesamt etwas opulenter wirkt, als bei den beiden Nummern zuvor, ein wenig wie bei einem Soundtrack. Schön, wenn man raushört, dass die klassische Musik des 20. Jahrhunderts bei den Arrangeuren der sogenannten U-Musik angekommen ist.
  4. Flume (Bon Iver)
    Noch eine unbekannte Nummer, ehrlich gesagt, ich kannte gerade mal den Namen Bon Iver. Ehrlich gesagt habe ich den Eindruck, das könnte auch eine frühe Gabriel-Ballade sein, vom Debüt oder von der zweiten Gabriel. Das Stück kann man übrigens kostenlos auf petergabriel.com herunterladen.
  5. Listening Wind (Talking Heads)
    Aaahhh, eine meiner absoluten Lieblingsnummern, nicht nur von den Talking Heads, sondern überhaupt. Wow, das Arrangement klingt wie von Philip Glass geschrieben: Sehr gelungene Version, für mich bisher der beste Song des Albums, der auch im Gesamtcharakter von den vorigen deutlicher abweicht.
  6. The Power of the Heart (Lou Reed)
    Eine Lou-Reed-Nummer, die ich zumindest nicht so auf dem Schirm habe. Kein Wunder: Google erzählt mir gerade, dass es ein Charity-Song ist, den er 2008 veröffentlicht hat. Aber das soll wirklich von Lou Reed sein? Wollte Lou Reed eine Peter-Gabriel-Ballade schreiben? Das klingt wirklich wie der Closing Track eines Gabriel-Albums, wenn es zum schwermütigen Orchester-Arrangement noch eine Band gabe, wäre die Illusion perfekt. Obwohl… am Ende klingt es dann doch nach Reed (bei den gesprochenen Passagen).
  7. My Body is a Cage (Arcade Fire)
    Vom einzigen Arcade-Fire-Album, das ich kenne, nämlich Neon Bible: Diese Version ist düster und klingt unterschwellig bedrohlich, was natürlich gut zu Arcade Fire passt, die ja auch immer etwas paranoid klingen. Beängstigend, wie Peter Gabriel auf einmal wie ein durchgedrehter Massenmörder klingen kann, der seine Memorien diktiert: Klasse Version! Zweites Highlight des Albums.
  8. The Book of Love (The Magnetic Fields)
    Dritter Song den ich nicht kenne, hier kenne ich kaum den Bandnamen, der ist mir vor ein paar Tagen zufällig vor die Füße gefallen und ich habe mich noch gewundert, ob die Band sich nach dem Album von Jean Michel Jarre benannt hat. Wohl nicht. Das hier ist eine schon fast freundliche Nummer, keine Temponummer, aber freundlich. Töchterchen Melanie singt im Refrain die zweite Stimme.
  9. I Think it’s Going to Rain Today (Randy Newman)
    Ach, wenn nicht alle Randy Newman-Nummern so gleich klingen würden, dann wüsste ich jetzt, ob ich den Song im Original kenne oder nur eine völlig identisch Nummer. Ein typischer Piano-Blues
  10. Après Moi (Regina Spektor)
    Dieser Song von Regina Spektor-Song war die einzige Nummer, die ich schon vorab auf Youtube gehört habe, wo sie geleakt wurde. Vom treibenden Klavierspiel des Originals hat Gabriels Fassung nichts mehr, trotzdem ist dies eine Verneigung vor der Spektor. Das Arrangement klingt ein wenig russisch, irgendetwas zwischen Tchaikovsky (am Anfang) und Prokofiev (am ende), wen wundert’s? Und ist es wirklich so schwer für Angelsachsen das „R“ in Après moi nicht Englisch auszusprechen?
  11. Philadelphia (Neil Young)
    Aus dem Film „Streets of Philadelphia“, wennn ich mich nicht irre, für den auch Peter Gabriel einen Song beigesteuert hat („Lovetown“ wenn ich nicht irre):  Ich bin mir nicht sicher, ob mir der Song etwas sagt. Im Moment auf jeden Fall nicht. Bittersüßes Orchester-Arrangement: Klingt für mich eher nach Sigur Ros als nach Neil Young.
  12. Street Spirit (Fade Out) (Radiohead)
    Kann man eine Radiohead-Nummer noch depressiver klingen lassen? Das Original ist ein absolutes Highlight der frühen Radiohead, das hier ist zumindest ein sehr verstörender Abschluss für ein sehr stilles, insgesamt düsteres Album. Tolle Sprech-Stimme von Gabriel noch einmal… die vielleicht radikalste Umdeutung eines Stückes auf „Scratch my back“, die dennoch sehr nah an der Grundstimmung des Originals bleibt.

Fazit: Er hat Wort gehalten und keine Gitarre, keine Drums, quasi überhaupt keine elektrischen Instrumente sind auf dem Album zu hören. Bei Gabriels melancholischer Stimme bedeutet das ein leises, melancholisches, düsteres, trauriges Album – für den einen oder anderen vielleicht insgesamt zu gleichförmig. Die meisten Songs könnten auch als Gabriel-Originale durchgehen: Highlights für mich: Listening Wind, My Body Is A Cage, Après Moi (trotz des Rs) und wohl auch Street Spirit.

5 Gedanken zu „Peter Gabriel – Scratch My Back (Live-Review)

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  3. Tommaso

    Hmmmm….. ich glaube mir geht es diesmal ähnlich wie Dir mit Tori Amos‘ „Midwinter Graces“. Nach deinem doch recht euphorischen Kommentar hab‘ ich mir das Album nochmal komplett angehört, und kann doch immer noch nichts damit anfangen. Es liegt nicht nur an den Arrangements, sondern auch an der Songauswahl: bis auf „Heroes“ und „Listening Wind“ kann hier schlicht nichts mit PG-Originalen (der Mann ist ja ein Songwriting-Gigant) mithalten. Jeder dieser Songs wäre eine brauchbare PG-Single-B-Seite, aber nicht viel mehr. Und was eben die Arrangements angeht: das ist alles sehr geschmackvoll, sicher, aber auch sehr ‚konservativ‘, bis auf die Michael-Nyman-Anklänge auf „Listening Wind“.

    Ich kann mir nicht helfen: ich finde das alles reichlich langweilig auf höchstem Niveau, und auch irgendwie ‚gewollt‘ und ‚kunstgewerblich‘. Hätte PG im Gegensatz zu Sting oder Costello nicht sein eigenes Label, dann wäre dieses Album wohl auch auf Deutsche Grammophon erschienen….

  4. sal Beitragsautor

    Hm, euphorisch? Ich habe es nicht so gemeint und lese da auch mehr Beschreibung raus. Ich finde aber nicht die Songs das Problem, sondern tatsächlich eher die gleichförmigen Arrangements. “Heroes” gefällt mir von mal zu mal weniger, dafür dann etwas mehr “Mirrorball”. Ich bleibe dabei, dass “Listening Wind” (das Arrangement klingt wie ein Streichquartett von Glass) und “My Body Is A Cage” (schön düster) die Highlights sind. Indiskutabel ist der Reed (lahmarschiger gesungen als das Original, wow), der Newman (Newman halt) und Neil Young (Hätte er mal lieber “Like A Hurricane” gecovert, wie dereinst Roxy), ein paar B-Seiten sind in der Tat auch dabei. Komische Scheibe. Und eines muss man auch festhalten: Keiner der (guten) Songs ist besser oder gleich gut. Ist OK, aber irgendwie brauche ich nicht 12 x “Here Comes The Flood” im Soundtrack-Remix.

    Morgen erscheint dann meine Kasalla über das Album beim Sal-plattenmann… ein Album, das beim mehrmaligen Hören *nicht* wächst.

  5. Tommaso

    Okay, dann hab‘ ich da mehr rausgelesen, als du gemeint hast. Deine Beschreibung 12x „Here comes the flood“ trifft es ziemlich gut. Ich frage mich wirklich, warum nach acht Jahren Wartezeit nun ausgerechnet ein solches Album kommen mußte. Hoffen wir mal, daß er schon an was eigenem werkelt…

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