Eurovision Song Contest 2009: Das Halbfinale, Teil 2

Das gestrige zweite Halbfinale brachte, wenn überhaupt möglich, eine nochmalige Unterbietung des Niveaus der ersten Veranstaltung. Und offenbar hatte ich mich zu früh gefreut, dass die dominierenden Elemente der letzten Jahre ein wenig zurück gedrängt worden wären, denn fehlten am Dienstag die typen „Ost-Europa-Pop-Nummern“, die emphatischen Duette mit schmachtenden Liebesbekenntnissen und die „Sexy-Dance-Pop-Nummern“ (wobei ich das „sexy“ bitte in gedachten Anführungszeichen setzen möchte – denn wirklich sexy ist die berechnende, arschwackelnde, Titties wogende Fleischbeschau bei den gestylten Mädchen-Marionetten nicht), so holte mich dieses Halbfinale auf den Boden der Tatsachen zurück. Mit den Ergebnissen des zweiten Halbfinals haben wir am Samstag ein typisches Starterfeld der letzten Jahre. Gestern qualifizierten sich (Aufzählung in der Reihenfolge ihres Auftritts):

  • Kroatien: Igor Cukrov feat. Andrea – Lijepa Tena
    (Startplatz 1) Ach herrjemine, das fing ja wieder „gut“ an: Ein laut herausgeblöktes  Balkan-Balladen-Duett: Seine Stimme hält das die drei Minuten nicht durch, ihre leiert schon von Anfang an. De facto trifft sie keinen Ton richtig – trotzdem weiter.
  • Norwegen: Alexander Rybak – Fairytale
    (Startplatz 6) Hm, das soll also eine Favoriten-Nummer sein? Ein bisschen Folk, ein smarter Knabe, eine sehr simple Nummer. Doch, könnte hinkommen, der Folklore-Anteil zielt wohl gen Osten. Mir gefällt der schleimige Schwiegermütter-Typ nicht. Aber er erhält sehr viel Applaus!
  • Dänemark: Brinck – Believe Again
    (Startplatz 9) Die Nummer ist nicht nur von Ronan Keating mitgeschrieben worden, sondern wird von einem Look-alike und Sound-alike gesungen. Klingt fast echt – also absolut massentauglich (und widerlich). Mitklatsch-Gefahr. Ein Favorit für das Finale?
  • Aserbaidschan: AySel & Arash – Always
    (Startplatz 12) Urgs! Ein Duett für das Gruselkabinett, auch optisch. Eine Dance-Pop-Nummer mit Ethno-Gedudel und Arschwackel-Choreographie. Eine typische Osteuropa-Nummer der letzten Jahre: Grauenvoll, aber im Finale.
  • Griechenland: Sakis Rouvas – This Is Our Night
    (Startplatz 13) Allen Epigonen des schwulen Dance-Pop südeuropäischer Prägung sei es gesagt: So macht man das! Das ist eine der ekeligsten und tuntigsten Nummern des Abends, hier werden leider alle Klischees bedient, die immer wieder über Schwule und Popmusik hervorgekramt werden: Zum Heulen ist das. Sakis Rouvas ist ein unfassbar unsympathischer Sunnyboy, absoluter Grusel-Alarm! Die Griechen sind einfach sehr zuverässig in diesen Dingen. Locker weiter und natürlich ein Mitfavorit.
  • Litauen: Sasha Son – Love
    (Startplatz 14) Das soll wohl eine anspruchsvolle Piano-Pop-Nummer à la Elton John oder Billy Joel sein, isses aber ganz und gar nicht. Trotz Hut (der steht ihm nicht gut).Vielleicht schickt man so eine Nummer ins Rennen, weil sich die Litauer von dem Osteuropa-Einerlei „intellektuell“ distanzieren wollten? Die leiden sicherlich darunter, dass man sie im Westen immer mit den anderen Ex-UdSSSR-Republiken zusammenwirft. Die Nummer ist einfach langweilig und schlecht und prätentiös gesungen. Ein Überraschung, dass der Song weiterkommt.
  • Moldawien: Nelly Ciobanu – Hora Din Moldova
    (Startplatz 15) Eine verpoppte Balkan-Folk-Nummer, trotzdem das traditionellste Ding des Abends. Schade, ohne Pop wäre es ziemlich cool. Mir ist das zu aufgeregt, aber es weckt Balkan-Gefühle (ist Moldawien noch Balkan?)
  • Albanien: Kejsi Tola – Carry Me In Your Dreams
    (Startplatz 16) Ürgselmürgsel! Die gefühlte 180. „sexy“ Dance-Pop-Nummer des Abends. Dabei steht sie da stocksteif auf der Bühne und sieht aus, als ob sie dringend auf Toilette müsste. Immerhin tanzt neben der völlig austauschbaren Blondgelockten ein grünes Kondom. Vermutlich wollen alle nur wissen, ob das Kondom das nächste Mal eine andere Farbe hat.
  • Ukraine: Svetlana Loboda – Be my Valentine! (Anti-crisis Girl)
    (Startplatz 17) Das war noch schlimmer als erwartet: Noch eine „sexy“ Dance-Pop-Nummer, nun aber mit aufwendiger Pyrotechnik, mit halbnackten Kerlen und einer weniger als halbnackten Sängerin in hohen Stiefeln und einem selbst für ESC-Verhältnisse wahnsinnig vulgärem Outfit. Gut, dass man ihr „Englisch“ nicht verstehen konnte – ich glaube textlich ist es mindestens genauso schlimm! Eine Favoritin, keine Frage.
  • Estland: Urban Symphony – Rändajad
    (Startplatz 18) Hm. Die hübscheste Sängerin des Abends mit einer der nettesten Nummern des ESC. Nix besonders, weiß Gott, aber man wird am Ende des Feldes bescheiden. Schön, dass der Elfenpop weiter ist.

Und noch einmal, wie nach dem 1. Halbfinale, ein paar Beobachtungen und Details:

  • Wieder scheint es so, dass eine hohe Startnummer hilft. Die Starter 12 – 18 sind alle durchgekommen, lediglich die indiskutablen Niederländer (die vermutlich älteste Boyband der Welt und drei dicke, dralle Background-Miezen. Offenbar wollten die Holländer schnell nach Hause!) mit dem Startplatz 19 haben es nicht ins Finale geschafft.
  • Dominierten im 1. Halbfinale noch die West- und Südeuropäer, zogen nun die Osteuropäer und die Balkan-Schiene gleich: Den westeuropäischen Teilnehmern Norwegen und Dänemark stehen Kroatien (Balkan), Aserbaidschan (Ex-UdSSR), Moldawien (Ex-UdSSR), Albanien (Balkan), Ukraine (Ex-UdSSR) so wie die baltischen Teilnehmer Litauen und Estland und Griechenland (Südeuropa) gegenüber. Das neue europäische Gleichgewicht ist also hergestellt: Das ist Wasser auf den Mühlen der Boulevard-Presse, die aus dem ESC immer einen „kalten Krieg der Kulturen“ macht.
  • Die Zyprioten, die sich endlich einmal vom übermächtigen griechischem Schatten lösen und eine schöne Nummer präsentieren, fallen prompt durch. Schade: Die kleine Elfe Christina Metaxa und ihre  Nummer „Firefly“ waren wirklich niedlich. Musikalisch war das für ESC-Verhältnisse wirklich ordentlich, leider zitterte die Sängerin hörbar und war sehr sehr sehr aufgeregt, so dass ein Haufen Töne misslangen. Schade Schade.
  • Wieder fallen die betont witzigen Beiträge (Serbien, Niederlande und sollte der zuckende Irre aus Lettland auch witzig sein?) beim Publikum durch. Es gibt wohl keinen europäischen Humor.

Eine letzte Anmerkung: Ich weiß, man schimpft eigentlich immer über die unbeholfenen und grottigen Moderatoren vor Ort, aber ein so unharmonisches, unsicheres und unsympathisches Moderatorenteam wie Natalya Vodyanova (ihr permantes Lächeln, mühevoll ihrem Gesicht abgerungen sieht aus wie eine absurde Fratze), Andrey Malakhov (seine vorlaute, dummplappernde Art würde in Deutschland nicht einmal bei einem Verkaufssender eine Chance haben – dazu dieses geleckte Outfit) sowie der Co-Moderator Dmitry Shepelev (der hyperaktive Typ im Green-Room, der weniger Englisch kann, als ein Fünftklässler einer schwäbischen Realschule) ist mir noch nie untergekommen. Wenn Russland sich mit dieser Veranstaltung inszenieren wollte (und wer will das nicht als Ausrichter des Eurovision Song Contest?), dann blamieren diese Visagen Russland gründlich bis auf die Knochen.

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